Archive for June, 2008

EZB und Ölpreis belasten

Bei der Europäischen Zentralbank zeichnet sich bei der Zinspolitik ein Richtungswechsel ab. So verkündete der EZB-Chef Jean Claude Trichet im Hinblick auf eine Zinserhöhung: „Ich sage nicht, dass sie sicher kommen wird, aber möglicherweise.“ Im Fachjargon heißt dies, dass die EZB die Märkte auf eine Zinserhöhung vorbereiten will. Dementsprechend ist sich die Mehrzahl der Analysten einig, dass der Leitzins, welcher über einen relativ langen Zeitraum bei 4,00 Prozent belassen wurde, schon im kommenden Monat auf 4,25 Prozent erhöht wird. Der Grund für die geänderte Marschrichtung liegt klar auf der Hand. So ist der Inflationsdruck, bedingt durch steigende Energie-, Rohstoff und Nahrungsmittelpreise, in den vergangenen Monaten rasant gestiegen. Zudem droht infolge der hohen Lohn- und Preissteigerungen eine sogenannte Preis-Lohn-Spirale, welche die Inflationsraten künftig sogar noch beschleunigen könnte. Daher entschied sich Jean Claude Trichet am Donnerstag, das Tor für eine baldige Zinserhöhung sehr weit zu öffnen.

Wirtschaft in der Eurozone vor Abkühlung 

Die Aussichten für die europäische Wirtschaft haben sich in den vergangenen Monaten mehr und mehr eingetrübt. Die Krise an den internationalen Finanzmärkten, welche die US-Wirtschaft bereits in Mitleidenschaft gezogen hat, stellt nur einen negativen Einflussfaktor für die konjunkturelle Entwicklung in der Euro-Zone dar. Nachdem in den USA die Arbeitslosenquote überraschend stark gestiegen ist, stellt sich mehr und mehr die Frage, wann sich die konjunkturelle Situation in der Eurozone signifikant verschlechtert. Belastend wirken sich zudem vor allem die hohen Energiepreise aus, welche den Verbrauchern in der Euro-Zone massiv Kaufkraft entziehen. Schwächelt der Verbrauch in der Euro-Zone, so hat dies auch einen massiven Einfluss auf die gesamte Konjunktur. Ein weiterer dämpfender Effekt geht zudem vom schwachen US-Dollar aus, da ein schwacher Greenback insbesondere die Geschäftstätigkeit der exportierenden Unternehmen belastet. Kommt jetzt noch eine Zinserhöhung hinzu, so wird das Wirtschaftswachstum deutlich stärker gedämpft als bislang von Volkswirten angenommen wurde. 

 

Volkswirte kritisieren den Kurs von Trichet

Bei einer Vielzahl von Wirtschaftswissenschaftlern ist die Ankündigung der EZB auf deutliche Kritik gestoßen. So sagte Peter Bofinger gegenüber der Frankfurter Rundschau: „Wir befinden uns mitten im Abschwung, und die EZB verschärft den geldpolitischen Kurs.“ Gustav Horn vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) kritisierte, dass der angekündigte Zinsschritt die Wachstumsaussichten weiter belastet. Er fügte hinzu: „Wir halten das für einen großen Fehler, denn wir laufen auf einen Abschwung zu und brauchen deshalb niedrigere Zinsen.“ Auch von einigen Politkern aus der Eurozone wurde Kritik laut. Insgesamt besteht angesichts der makroökonomischen Situation ein sehr hohes Risiko, dass der Kurs der EZB falsch ist.

Zusätzlicher Ölpreisschock zwingt Aktienmärkte in die Knie

Der deutsche Aktienmarkt reagierte mit Beunruhigung auf die wahrscheinlich anstehende Erhöhung des Leitzinses. So zeigte der DAX in einer ersten Reaktion auf die Ankündigungen von Trichet eine deutliche Schwäche. Im Gegensatz zu den US-Märkten, welche am Donnerstag sehr fest tendierten, konnte am deutschen Aktienmarkt keine gute Laune aufkommen. Als am Freitag auch die US-Aktienmärkte eine deutliche Schwäche zeigten, kannte der DAX nur den Weg in den Keller. Neben der Zinserhöhung belastete den Markt vor allem der Ölpreis, welcher im Freitagshandel bis auf 139 US$ stieg. Daher wundert es nicht, dass der DAX am Freitag 2 Prozent verlor und mit 6.804 Punkten die psychologisch wichtige Marke von 7.000 Punkten in weite Ferne gerückt ist. Da der US-Aktienmarkt am Freitag nach Börsenschluss in Frankfurt weitere Schwäche zeigte und der Ölpreis sich weiterhin im Aufwind befand, deuten die nachbörslichen Freitagsindikationen auf einen noch schwächeren Handelsauftakt am Montag hin. So gab das Juni-Kontrakt des DAX-Futures, welches bis 22.00 Uhr gehandelt wird, am Freitag um 238,50 Punkte auf 6.758 Zähler nach. Für den Kassamarkt, welcher eng an die Entwicklung des Terminmarktes  gekoppelt ist, bedeutet dies, dass am Montag zu Handelsbeginn ein weiterer deutlicher Abschlag das mit großem Abstand wahrscheinlichste Szenario ist.